Dienstag, 16. September 2014

Schnöselitis.

"Femke-Nele, schau mal her!" Ich schrecke auf. Ein kleines Mädchen dreht sich um und lächelt in die Kamera einer Profimutter. Sieht eigentlich ganz normal aus, das Mädchen, so wie alle anderen eben... gleich. Ich sehe nur noch grellbunt karierte Rucksäcke. Backpack-Clone.
Der erste Schultag in der weiterführenden Schule ist etwas Besonderes für die Kinder. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt, alte Freundschaften lösen sich, neue müssen gesucht und geschlossen werden. Trotzdem ist man glücklich über Freunde. Der erste Blick auf die aushängenden Klassenlisten zeigt: der einzige Freund des Lieblingssohnes, der mit an diese Schule gewechselt ist, soll jetzt trotz geäußertem Wunsch nicht in seiner Klasse sein. Zwanzig Mädchen, sechs Jungs. Er schluckt schwer. Ich versuche zu retten: "Schau, aber Samira ist in deiner Klasse, die ist dir im Kindergarten doch immer hinterhergelaufen und wollte dich sogar heiraten." "Ja. Und in der 1. Klasse hat sie dann Arschloch zu mir gesagt und wollte nichts mehr mit mir zu tun haben." Da ist momentan nichts zu retten.

Alte Schule im Freilandmuseum Bad Windsheim
Der Wunsch-Schulrucksack war lange bestellt, wird aber trotzdem nicht rechtzeitig geliefert. Welcher Zehnjährige möchte noch mit einem autogeschmückten Ranzen in die Schule gehen? Meinen stört es nicht die Bohne, bis ihm auffällt, dass er aus dem karierten Einheitssacklook heraussticht und die erste dämliche Bemerkung kommt. Er sagt: "Mama, jetzt ist mir mein Ranzen peinlich." 
Dann sollen sich alle Kinder um ihre neuen Klassenlehrer sammeln. Wieder eine Frau, die noch dazu an die Handarbeitslehrerin der Grundschule erinnert. Auch das noch. Ich erinnere mich auch gut an sie. Der Lieblingssohn sagte damals: "Mama, diese Frau ist der Teufel!" Er hatte sich fürs Gymnasium so einen Lehrer gewünscht. Der Neustart steht unter keinem guten Stern. 
Ich suche den Blick meines Sohnes und schaue in ein todunglückliches Gesicht, das wie üblich alle um mindestens einen halben Kopf überragt. Die Tränen stehen am Anschlag. Er schluckt tapfer. Ich lächle ihm noch tapferer zu, obwohl ich ihn am liebsten in den Arm nehmen und mitweinen würde. Oder mit ihm weglaufen.

Hinter mir erzählt ein hornbebrillter Wolfstatzenjackenträger mit gegelten Locken dem Nachbarn mit der Moleskinhose und den Budapestern vom zurückliegenden vierwöchigen Roadtrip durch die USA mit der Familie, der selbstverständlich viel zu kurz war, um das Land bis in die Tiefen kennenzulernen. Aber sie werden das ja bald wiederholen. Herr Moleskin sagt, im australischen Outback war es auch nicht schlecht. Roadtrip und so, vor allem für die Kinder kulturell so bereichernd. Ich denke ans Wandern im Allgäu und ringe damit, mich nicht als Losermutter zu fühlen. 
Theodor Otto von Tschischkewitz zu Oberstein spielt weiterhin unablässig mit seinem Smartphone, das er nur für Sekunden in die Tasche seiner Breitcordhose zurücksteckt, um dann kurz an seiner Taschenuhr mit Uhrkette herumzufummeln. Aha. Hornbrille Junior. Katalogkind von den Holzlandboots über die sandbeige Cordbuxe mit Hosenträgern, den naturfarbenen Grobstrick-Sweater mit Hornknöpfen und die Hosenträger bis zur Tweedschiebermütze und dem Brillengestell. Als ich den Namen auf der Klassenliste gelesen hatte, schwante mir schon, welches Kind dazu gehören würde. Den überheblichen Gutsherrenblick kann er schon perfekt.

Alte Schule im Freilandmuseum Bad Windsheim
Oh Gott, mein armer Sohn. Er ist in einer Klasse mit blaublütigen Minimodels aus Hochglanzmagazinen über hochwertiges Landgutleben, Kindern, die nicht nur Femke-Nele heißen, sondern von ihren Müttern auch so gerufen werden, einem ehemaligen Groupie, dass ihn jetzt saublöd findet und in der offensichtlich ein eindeutiges kariertes Markendiktat herrscht, unter dem ein Schulrucksack mindestens 130 Euro kosten muss. Der Direktor sagt in seiner steifen Ansprache (das freie Reden üben wir noch): "Wir erwarten von euch an erster Stelle Höflichkeit. An dieser Schule sind wir höflich zueinander und grüßen uns." Ich denke an die Achtklässler, die sich vorhin im Hof als "Spacko", "Assi" und "Spasti" begrüsst haben. Das war vermutlich höflich gemeint.

Mir wirds schwummerig und mein Fluchtreflex springt an. Kind retten. In meinem Kopf rauschen die Gedanken im Kreis, ob ich ihn nicht doch noch an ein anderes Gymnasium wechseln lassen kann. Eines mit stinknormalen Kindern und Eltern. Noname-Rucksäcken. Alternativen? Es ist das einzige musische Gymnasium und der Lieblingssohn wollte dort unbedingt hin. Nach Installateur mit 8 Jahren wegen der sicheren Berufsaussichten (aufs Klo müssen die Leute immer) und höherer Beamter mit 9 Jahren (weil man da wenig arbeiten muss, viel verdient und viel Freizeit hat) will er jetzt nämlich Klarinettist werden. Er sollte entscheiden und ich dachte: wird schon werden. Ich fürchte, gerade ist mir die Gelassenheit abhanden gekommen.
Ich überlege kurz, ob man mir meine innere Panik und die Fluchtgedanken wohl ansieht und verkrümle mich lieber - bis zum ersten Elternabend heute Abend. 
Herr, gib mir Gelassenheit...

Fortsetzung folgt...
Gymnasium, der erste Schultag, Schnösel, Schule
* Sämtliche Namen wurden natürlich geändert, entsprechen in ihrer Absurdität aber voll und ganz der Realität.

Sonntag, 14. September 2014

Hoch.Grat

Hoch ist er und seinen Rücken ziert ein schroffer Grat - also ist der Name wohl perfekt passend gewählt für diesen Berg, der mit seinen 1.834m die höchste Erhebung der Nagelfluhkette im Allgäu darstellt. Gestern habe ich schon ein paar Bilder gezeigt vom wahren Grund unseres Besuchs auf dem Hochgrat, der sich aber natürlich nicht damit erschöpft hat, mit der Bergbahn hoch- und wieder runterzufahren. Nach einem ganzen Tag mit strömendem Regen hatten wir uns allerdings erst am Nachmittag entschlossen, doch noch nach Obststauffen und den Berg hinaufzufahren und haben deshalb die Bergbahn als Aufstiegshilfe benutzt. Die Zeit vor dem Sonnenuntergang reichte aber noch zu einer überschaubaren kleinen Wanderung die 130 Höhenmeter den Gratkamm hinauf vorbei an Eisenhutwiesen bis zum Gipfel, einer Brotzeit am Gipfelkreuz und dem Schließen der Runde über die Rinderweiden den Panoramaweg zurück hinunter zur Bergstation, von deren Terrasse wir dann dem Sonnentheater über dem Bodensee zusahen.












Pandabär-Kuh?
Nagelfluh bezeichnet übrigens das Gestein, aus dem sich diese Bergkette zusammensetzt und das etwas eigentümlich wie grober Waschbeton aussieht. 





Nähere Betrachtungen der Steine und Botanik...


Für die kleine Runde den Gratkamm des Hochgrats entlang sollte man trittsicher und einigermaßen schwindelfrei sein - der Weg ist felsig und holperig mit teilweise sehr hohen Stufen und es geht links des Kammes senkrecht abwärts. Dafür wird man mit einer grandiosen Aussicht belohnt - sofern die Sicht nicht wolkenverhangen ist. Aber auch das hatte etwas ganz besonders... etwas unheimlich, wenn man auf einmal mit dem Gipfelkreuz alleine ist und nur die Kuhglocken tief unter sich hört, aber trotzdem einfach nur schön und bei einem solchen Wetter mit leichtem Nieselregen auch fast alleine zu genießen.



Nun sind wir also wieder da. Die eine oder andere hat es vielleicht gemerkt, dass wir zwei Wochen keinen Laut mehr gegeben haben. Ins Allgäu ist es wieder gegangen, weil ich fand, dass wir an Pfingsten eindeutig noch nicht genug gesehen hatten. Das Wetter war nicht optimal, aber wir haben genutzt was möglich war, um noch ein paar schöne Bäche zum Entlangwandern zu finden und ein paar Berge hinaufzusteigen und hinunterzuschauen. Ein paar Wandervorschläge habe ich also noch für euch in nächster Zeit und alle sind mit bescheidener Kondition machbar - wo ich hinaufkomme, kommt jede andere auch hinauf, das ist sicher. :-)
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Samstag, 13. September 2014

In heaven No. 130 - Someone out there...?

Wart ihr schon mal spätabends auf einem hohen Berg? Ich nicht. Zumindest nicht bis vor zehn Tagen. Ich kenne den Blick von oben am Morgen, am Mittag und am Spätnachmittag, im Sommer und im Winter. Aber ich war noch nie im Dunkeln ganz oben. Diese Möglichkeit bot sich am vorletzten Dienstag, als wir vom Gipfel des Hochgrats im Allgäu den Sonnenuntergang über dem Bodensee beobachten konnten. Während des Aufstiegs zum Gipfel im aufkommenden Nebel und den Regenschauern hatten wir noch gebangt, ob wir überhaupt etwas würden sehen können, doch dann machte uns die Sonne die große Freude, doch nochmal stellenweise durch die Wolken zu brechen - um den fernen Bodensee in goldenes Licht zu tauchen und immer wieder Spotlights auf einzelne Gipfel, Weiler und Häuser zu richten. Wie die Legenden um Alienlandungen oder das göttliche Licht entstanden sind, ist da gut zu nachzuvollziehen. Oder man schaut einfach nur und genießt...









Aus.

Um 22 Uhr fährt dienstags die letzte Hochgratbahn-Gondel zurück ins Tal und nimmt die mit, die endlich auch mal einen Sonnenuntergang von ganz oben sehen wollten. Ein schöner Lohn für den Aufstieg davor... den ich euch Morgen zeige.

Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minivalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über eingefangen habe. 
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken.
Bitte ein Himmelsbild und nicht das Profilbild oder andere themenfremde Bilder des Blogposts verlinken und bei "Linktitel" nur euren Blognamen in die Zeile schreiben, nicht den ganzen Posttitel - sonst wird die Linksammlung zerhackt. 
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Donnerstag, 11. September 2014

Kinderaugen.

Die Welt aus Kinderaugen sieht oft ganz anders aus als unsere eigene. Sie setzt andere Prioritäten, findet anderes spannend und bildet deshalb auch anderes ab, als wir das selbst mit der Kamera tun. Und doch sieht man am Fotografieren beispielhaft, dass Kinder uns nachahmen und ihre Aufmerksamkeit auf die Dinge lenken, die auch wir als Eltern spannend finden. Das ist einerseits beruhigend, weil es das Gefühl gibt, man kann seinen Kindern "den richtigen" Weg zeigen, ihre Aufmerksamkeit lenken. Andererseits birgt es natürlich auch das Risiko, dass unsere Kinder auch verstärkt den negativen Dingen ihre Aufmerksamkeit schenken, die wir selbst immer wieder fokussieren, beachten, benennen, abbilden. Eine gute Aufmerksamkeitsschulung fürs eigene Verhalten ist es deshalb immer, sich ganz genau anzuschauen, wie unsere Kinder die Welt sehen, was sie darin wahrnehmen, auf welche Weise sie das tun und welchen Dingen sie besonders viel Beachtung schenken - positive und negative. Mit ihrem Blick auf die Welt bilden sie diese nicht nur ab, sie halten uns damit auch immer den Spiegel vor.






In dem Fall mag ich, was ich darin sehe.

Der Raumfeenachwuchs fotografiert seit drei Jahren mit einer Fuji Finepix Z - hier in unserem Allgäu-Urlaub.
Dania alias Krokodilina sammelt jeden Donnerstag Fotos, die die Welt aus Kinderaugen zeigen. 
Und was nimmt euer Nachwuchs in den Fokus?
Die Welt aus Kinderaugen, Spinne, Schmetterling, Wasserfall, Bach im Wald, Giersch, Katze

Mittwoch, 10. September 2014

Muh.

Ich mag Kühe. Hatte ich das schon mal erwähnt? Besonders mag ich die Schumpen, wie die jungen weiblichen Kühe im Allgäu heißen. Dort sind sie einfach überall, sobald man auf mindestens 800m über Meereshöhe ist und das ist im Allgäu also quasi überall. Während die Milchkühe oft in Hofnähe gehalten werden, bevölkern die Jungkühe alle anderen Wiesen, auch die ganz hoch oben bis auf 2000 Meter. Sie bocken ausgelassen über die Alpwiesen, dass man vor Schreck gar nicht hinschauen möchte so nah am Abgrund, sie kratzen sich gegenseitig den Rücken, die kuscheln sich zusammen beim Schlafen, sie rangeln miteinander um die Hierarchie in der Herde und fressen sich an den Almkräutern die Bäuche rund. Wählerisch sind sie bei der Auswahl der Kräutlein die sie mögen und derer, die sie verschmähen. Neugierig kommen sie angetrottet, wenn man beim Wandern ihre Weiden überquert. Dann schauen sie dich mit diesen unglaublich schönen Plüschaugen an, schlenken ihre großen Ohren, prusten dir vor den Bauch und lecken dir mit ihrer Sandpapierzunge über die Hände, bevor sie den Kopf senken, um sich zwischen den Hörnern kraulen zu lassen.








Ich glaube, sie sind sehr glücklich, die Schumpen im Allgäu - zumindest bevor auch für sie der Ernst des Lebens beginnt. 
Seit ich gesehen habe, wie sozial, lebenslustig und neugierig Kühe sind, wenn sie gemeinsam auf der Weide leben können, mag ich nicht mehr durch meinen Einkauf dafür verantwortlich sein, dass sie in Massenställen auf Spaltenböden leben müssen, ihrer Hörner beraubt werden und vergorenen Mais und Sojabohnen fressen. Manches muss man erst sehen, um zu wissen, was man nicht mehr will. Eine Kuh muss Hörner haben, auf der Wiese leben und Gras fressen.
Die Schumpen rund um unser Urlaubsdomizil in Rückholz und die Milchkühe der örtlichen Käserei Lipp leben auf der Weide und dürfen ihre Hörner behalten. Inzwischen hat es sich rumgesprochen, dass Kuhhörner nicht nur entbehrlicher Kopfzierrat, sondern ein Stoffwechselorgan sind und dass das nicht nur eine Erfindung irgendwelcher abgedrehten Ökofreaks ist. Leider ändert das vielerorts trotzdem nichts - Kühe mit Hörnern sind halt unpraktisch bei der Massenstallhaltung...

Ich finde: So muss eine Kuh aussehen und so soll sie leben dürfen.
Massentierhaltung, Kühe auf der Weide, Alpvieh, Allgäu, Jungvieh, Jungkühe